Martha Khadem-Missagh - ihr Leben für und mit der Musik
Die Geigerin setzt in vierter Generation die Tradition ihrer Familie fort
Die aus Baden stammende junge Geigerin Martha Khadem-Missagh spricht mit der „BZ“ über ihren Werdegang, ihre Familie und ihre Liebe für die universiellste Sprache der Welt, die der Musik.
In eine seit mehreren Generationen bestehende Musikerfamilie hineingeboren begann Martha Khadem-Missagh bereits im Alter von drei Jahren mit dem Violinspiel. Erstmals öffentlich trat sie mit fünf Jahren auf, ihr Debüt als Solistin gab sie im Alter von neun Jahren.
„Seit meiner frühesten Kindheit an war ich von Musik umgeben. Musik ist mein Leben. Musik ist für mich die universiellste Sprache der Welt. Natürlich fasziniert mich jenes Werk, das ich gerade erarbeite am meisten. Dabei jedoch nicht nur das Werk allein, das umfasst viele Bereiche, den Komponisten selbst, sein Leben, sein Umfeld, seine
Zeit. Ich muss das aufspüren, um eins werden zu können mit seiner Musik“, beschreibt die junge Künstlerin ihren Zugang zur Musik.
Dem ersten Violinunterricht bei Margarete Biedermann folgte das Studium am Konservatorium der Stadt Wien und an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. Ihre Konzerttätigkeit führte sie bereits nach Japan, die USA, Südafrika und durch ganz Europa. Als Solistin konzertierte sie mit dem Tonkünstlerorchester NÖ, dem Wiener Kammerorchester, der Academia Allegro Vivo und der Sinfonietta Baden. Im Jahre 2001 gab sie ihr Debüt als Solistin bei den Salzburger Festspielen. An das Musizieren bei den Musiktagen Mondsee denkt Martha Khadem-Missagh besonders gerne. „Diese Zeit war für mich besonders wertvoll, nicht nur in künstlerischer Hinsicht. Die Wechselbeziehung von Wort und Musik faszinierte mich. Es ist so wichtig, dass die persönliche Auffassung im Einklang mit jener der anderen mitwirkenden Künstlern steht.Vor allem darf man nicht über die Musik seine Persönlichkeit in den Vordergrund stellen. Man sollte lediglich Instrument, Vermittler sein, um ihre Sprache zu finden. Sie muss fliessen. Zum Publikum. Dann bekommt man auch sehr viel wieder zurück. Und man sollte auch dankbar dafür sein, dass man dieses Geschenk seiner Begabung mit auf seinen Lebensweg bekommen hat und dieses Geschenk auch als Aufgabe und Verpflichtung ansehen“, erklärt sie ihr ernsthaftes Bemühen.
zusätzlich zu ihrer solistischen Tätigkeit widmet sie sich auch gemeinsam mit ihrem Bruder Vahid der Aufführung von Werken für zwei Violinen. „Vahid und ich spielen auch über die weltweite von Jehudi Menuhin gegründete Organisation in Krankenhäusern, Alters- und Behindertenheimen. Da spürt man das wechselseitige Berühren der Musik ganz besonders“, freut sich die Künstlerin. „Ich bin für jede Musikrichtung offen, die Welt ist voller Musik, doch sie muss gut sein. Denn nur qualitätvolle Musik findet ihren Weg in die Herzen der Menschen“, so die Musikerin weiter.
Martha Khadem-Missagh, für die ihre Familie sehr viel bedeutet und ein Hort ist, an den sie sich jederzeit zurückziehen kann, wird Anfang des kommenden Jahres Solokonzerte in Deutschland, Italien und in Wien im Musikverein geben, für die jeder erdenkliche Erfolg zu wünschen ist.
Wanda Mühlgassner
(Badener Zeitung, Dezember 2003)
Musik ohne Wenn und Aber
Die Geschwister Martha und Vahid Khadem-Missagh
Manchmal fällt eine Antwort auf eine einfache Frage schwer.
Wenn man etwa die Geschwister Martha und Vahid
Khadem-Missagh nach einer möglichen Alternative zum Musikerberuf fragt, dann erlebt man zunächst ein sympathisches Zögern, dann die ersten zaghaften Vorschläge: irgend etwas mit Geschichte vielleicht, irgend etwas mit Sprachen ...
Selten trifft man, selbst in den naturgemäss euphorischen Nachwuchskreisen, solch eine Überzeugung, wenn es um die Wahl des Berufes und Lebenszieles geht.
Selbstverständlich: Die Familientradition – Martha und Vahid sind die vierte Generation die Musik macht – spielt hier mit; doch die Entscheidung, sich voll und ganz der Musik als der heiligen Kunst zu widmen, fiel eigenständig, bei jedem für sich und ist so überzeugend, dass es schlichtweg kein Wenn und Aber gibt.
Manchmal wiederum fällt eine Antwor auf eine schwierige Frage ganz leicht. „Warum eigentlich Musik, wozu Musik?“, so die knifflige Gesprächs-Einleitungsfrage, wird mit solcher Leidenschaft, Überzeugung und sprudelnder Rhetorik beantwortet, dass man den engagierten Musikern ihre Berufung und Einstellung einfach glauben muss.
Menschliches zum Klingen bringen
„Noch nie war die Welt so von Technik und Turbulenzen geprägt. Gerade da hat die Musik eine ihrer wesentlichen Aufgaben. Musik als das Reinste kann einer Gesellschaft helfen!“ Und sogleich folgt ein Anwendungsbeispiel: Vahid, Konzertmeister im Gustav Mahler Jugendorchester und aufsteigender Solist, hat Anfang Oktober an einem Roundtable mit dem Thema „Musik im sozialen Raum“ teilgenommen, in dem es um ein einzigartiges Projekt in Venezuela ging. 110.000 Kinder und Jugendliche – vor allem jene ohne soziale Perspektive, die mit Gewalt, Willkür und unter den schwierigsten Verhältnissen aufgewachsen sind – wurden in einem Sozialprojekt in 150 Orchestern vereint, der Staat steuerte die Instrumente bei. Erstaunliches Ergebnis: Durch das gemeinsame Musizieren, das gemeinsame Erarbeiten und musikalische Kommunizieren gelang es, auch in einen zwischenmenschlichen Bereich einzubrechen, der bislang verschlossen geblieben ist und dadurch einen gewaltlosen Dialog zu eröffnen.
„Der Mensch ist nicht nur Arbeit und Vergnügen, es geht nicht nur um Arbeits- und Nahrungsbeschaffung, dazwischen gibt es auch noch etwas, das man mit Musik ausfüllen kann. Und da ist die Musik Magie! Denn die physikalischen Schwingungen beim Musizieren, das Materielle, das verstehen wir. Aber was passiert dann? Und wie wirkt das auf den Menschen? Das ist einfach Zauberei!“, so Vahid. Und Martha: „Man lernt beim Studium eines Instrumentes auch soviel Menschliches. Für mich ist Musik wie eine Leiter: Man muss an dem Aufstieg arbeiten, ganz so leicht kommt man nämlich nicht rauf. Man braucht einen Glauben, aber man kann sich auch festhalten!“
Suche nach dem Wesentlichen
Man sieht: Auf die leichte Schulter werden die Musik und das Leben in all ihren Facetten nicht genommen, vielmehr ist da immer eine Verknüpfung mit einem zutiefst Gesellschaftlichen, Ideellen, Menschlichen, mit einer Verantwortlichkeit. Das beginnt bei der Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit am Instrument, schliesst aber auch die Ausgewogenheit der Ausbildung ein. Denn ganz neben dem Üben und dem Vorantreiben des musikalischen Weges wurden die Matura absolviert, auch, um einfach mehr zu kennen und sich eine fundierte Allgemeinbildung zu erwerben. Und das Ernstnehmen des Wesentlichen reicht schliesslich bis zum Nachtkastl: Denn dort liegt etwa bei Vahid derzeit ein Buch von Alfred Brendel – und stets auch ein Gebetbuch.
Hierher passt auch sein Ausruf „Ehrlich währt am längsten!“, wenn es um die Frage der richtigen Dosierung der Show und Vermarktung geht. Nein es handelt sich bei den Geschwistern dennoch um kein entrücktes Paar, das fernab vom harten Konzertbetrieb im geschützten elfenbeinernen Turm sitzt. Dass man auf heutige Vermarktungstechnologien setzt, zeigt etwa schon die ausgezeichnete Website Vahids (www.khadem-missagh.com), und dass Styling zum guten Auftritt dazugehört, ist klar. Doch für die beiden Musiker bleibt bei der Interpretation eines Stückes stets der Knackpunkt: Was ist der Wille des Komponisten? Was möchte er sagen? „Dazu muss man natürlich auch das Umfeld studieren“, erläutert der Geiger. „Die Epoche, das soziale Umfeld, die Gemütszustände“. „Und erst wenn man darüber stehen kann“, so seine Schwester, „kann man ein Werk wirklich dem Publikum vorstellen.“
A taste of life
Dabei orientieren die beiden zwar immer wieder auch an Vorbildern wie David Oistrach, konzentrieren sich aber letztlich immer auf die Frage: Was will man mit der Geige ausdrücken?
„Als höchstes Ideal sehe ich den Gesang“, so Vahid. „So spielen, wie Thomas Quasthoff singt“, das ist ein Vorbild, das ist ein Ziel.
Und bei aller Ernsthaftigkeit darf’s auch am nötigen Humor nicht fehlen, einer der Aspekte, die sie bei Werner Pirchners „Konzert für 2 Solo-Violinen ohne Orchester“ (das sie am 26. Jänner 2003 im Brahms-Saal spielen) besonders schätzen. „Wir durften das Stück mit ihm erarbeiten, bevor wir es bei den Salzburger Festspielen aufgeführt haben. Es steckt in diesem ‚A taste of life“ alles drinnen, was zu einem Leben gehört, und auch die verschiedensten Stile – von Raga bis hin zur Improvisation.“ Man darf gespannt sein ...
Oliver Láng
(„Musikfreunde“, Zeitschrift der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, Jänner 2003)
